Was, wenn ich gar nicht falsch bin?

Warum die größte Erschöpfung manchmal darin besteht, jemand anderes sein zu wollen

Vielleicht bin ich deshalb so müde."

Diesen Satz sagte eine Klientin in einem Coaching. Und plötzlich wurde etwas sichtbar, das viele Menschen ihr ganzes Leben lang mit sich tragen, ohne es wirklich benennen zu können.

Denn manchmal sind wir nicht deshalb erschöpft, weil wir zu viel arbeiten.

Manchmal sind wir erschöpft, weil wir seit Jahren versuchen, jemand anderes zu sein.

Das Gefühl, irgendwie anders zu sein

Viele Menschen, die zu mir ins Coaching kommen, beschreiben ein Gefühl, das sie schon seit ihrer Kindheit begleitet:

Irgendwie bin ich anders als die anderen.

Vielleicht warst du das Kind, das lieber gelesen hat, während die anderen draußen gespielt haben.

Vielleicht hast du dich auf Partys unwohl gefühlt, obwohl alle anderen Spaß hatten.

Vielleicht hattest du ungewöhnliche Interessen oder warst besonders sensibel, intensiv, neugierig oder zurückgezogen.

Und irgendwann entstand vielleicht eine Frage, die viele Menschen ein Leben lang begleitet:

Was stimmt eigentlich nicht mit mir?

Nicht unbedingt, weil jemand das direkt gesagt hat.

Manchmal reichen kleine Erfahrungen:

  • nicht dazuzugehören,

  • anders zu reagieren,

  • Dinge intensiver wahrzunehmen,

  • sich unverstanden zu fühlen,

  • die Erwartungen anderer nicht erfüllen zu können.

Und irgendwann beginnt eine lebenslange Aufgabe:

Ich muss herausfinden, wie man richtig ist.

Die Erschöpfung des Maskierens

Viele Menschen entwickeln über die Jahre eine beeindruckende Fähigkeit:

Sie lernen, sich anzupassen.

Sie beobachten andere Menschen.
Sie lernen soziale Regeln.
Sie spielen Rollen.
Sie funktionieren.

Von außen wirken sie oft:

  • erfolgreich,

  • empathisch,

  • leistungsfähig,

  • reflektiert,

  • sozial kompetent.

Innerlich läuft jedoch häufig ein ganz anderer Prozess ab:

  • Bin ich gerade richtig?

  • War das komisch?

  • Habe ich zu viel gesagt?

  • Habe ich zu wenig gesagt?

  • Warum fällt das anderen so leicht?

Dieses ständige Überprüfen kostet Energie.

Sehr viel Energie.

Manche Menschen nennen das heute "Masking" oder "Camouflaging". Gemeint ist damit die oft unbewusste Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, um nicht aufzufallen oder dazuzugehören.

Die Tragik dabei:

Je besser wir darin werden, desto weniger sieht jemand, wie anstrengend es eigentlich ist.

Warum Selbstzweifel manchmal eine Schutzstrategie sind

Eine Klientin sagte im Coaching:

"Ich frage lieber noch einmal nach, weil ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht vertraue."

Dieser Satz hat mich sehr berührt.

Denn häufig sind Selbstzweifel kein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Selbstbewusstsein.

Sie sind eine Schutzstrategie.

Wenn wir früh gelernt haben, dass unsere Wahrnehmung, unsere Bedürfnisse oder unsere Art, die Welt zu erleben, nicht richtig sind, beginnen wir irgendwann, uns selbst weniger zu vertrauen.

Dann fragen wir andere:

  • Ist das normal?

  • Ist das richtig?

  • Würdest du das auch so machen?

  • Denke nur ich so?

Nicht, weil wir unfähig sind.

Sondern weil wir gelernt haben, dass andere Menschen scheinbar besser wissen, wie man richtig lebt.

"Ich ziehe nichts durch" – oder lerne ich einfach anders?

Ein weiteres Thema, das viele Menschen belastet:

Ich halte nie lange genug an einer Sache fest.

Vielleicht kennst du das:

  • Du interessierst dich für unglaublich viele Themen.

  • Du lernst schnell.

  • Du kannst tief in etwas eintauchen.

  • Und irgendwann verlierst du das Interesse wieder.

Dann beginnt häufig die Selbstkritik:

Warum kann ich nicht einfach bei einer Sache bleiben?

Unsere Gesellschaft bewundert Menschen, die früh wissen, was sie wollen, und dann jahrzehntelang denselben Weg verfolgen.

Aber was, wenn das gar nicht die einzige Art ist, erfolgreich und erfüllt zu leben?

Was, wenn deine Stärke nicht darin besteht, immer dieselbe Frage zu beantworten?

Sondern darin, immer wieder neue Fragen zu stellen?

Warum wir unsere größten Stärken oft nicht erkennen

Ein Muster, das ich bei hochreflektierten und neurodivergenten Menschen häufig beobachte:

Sie halten ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten für selbstverständlich.

Sie sagen:

  • "Das kann doch jeder."

  • "Das habe ich mir einfach selbst beigebracht."

  • "Das war doch gar nicht so kompliziert."

Dabei sind genau diese Fähigkeiten oft außergewöhnlich:

  • komplexe Zusammenhänge verstehen,

  • sich schnell neues Wissen aneignen,

  • kreative Lösungen entwickeln,

  • Querverbindungen herstellen,

  • Probleme analysieren,

  • neue Perspektiven entdecken.

Vielleicht erkennen wir unsere größten Stärken gerade deshalb nicht, weil sie für uns so selbstverständlich geworden sind.

Bedürfnisorientiert leben statt sich anzupassen

Eine der wichtigsten Fragen im Coaching lautet deshalb häufig nicht:

Wie muss ich sein?

Sondern:

Was brauche ich eigentlich?

Vielleicht brauchst du mehr Rückzug.

Vielleicht brauchst du mehr Abwechslung.

Vielleicht brauchst du tiefere Gespräche.

Vielleicht brauchst du Menschen, bei denen du nicht maskieren musst.

Vielleicht brauchst du eine Arbeit, die zu deiner Art zu denken passt, statt dich ständig dazu aufzufordern, jemand anderes zu sein.

Es geht nicht darum, sich noch besser anzupassen.

Es geht darum, herauszufinden, was zu dir passt.

Eine kleine Übung

Nimm dir heute 30 Sekunden Zeit.

Stell dir vor, du wachst morgen früh auf und weißt mit absoluter Sicherheit:

Ich bin genau richtig, so wie ich bin.

Nicht perfekt.

Nicht ohne Schwierigkeiten.

Aber richtig.

Was würde sich verändern?

Viele Menschen reagieren auf diese Vorstellung zunächst mit Widerstand.

Manche werden traurig.

Manche werden nervös.

Denn wenn wir unser Leben lang versucht haben, jemand anderes zu werden, ist die Vorstellung, bereits richtig zu sein, manchmal schwerer auszuhalten als die Vorstellung, falsch zu sein.

Vielleicht bist du deshalb so müde

Vielleicht bist du nicht müde, weil du zu wenig leistest.

Vielleicht bist du nicht müde, weil du zu sensibel, zu sprunghaft oder zu kompliziert bist.

Vielleicht bist du müde, weil du über viele Jahre versucht hast, jemand zu sein, der du nie warst.

Und vielleicht beginnt Veränderung nicht damit, herauszufinden, wie du endlich richtig wirst.

Sondern damit, langsam zu akzeptieren, dass du es vielleicht die ganze Zeit schon warst.

Reflexionsfragen

  • Welche Eigenschaften an mir habe ich bisher eher als Problem statt als Stärke betrachtet?

  • Wo passe ich mich an, obwohl es mich sehr viel Energie kostet?

  • Welche Teile von mir verstecke ich vor anderen Menschen?

  • Welche Fähigkeiten halte ich für selbstverständlich, obwohl andere sie möglicherweise als außergewöhnlich wahrnehmen?

  • Was würde ich beruflich und privat anders machen, wenn ich davon ausgehen würde, dass ich grundsätzlich richtig bin?

  • Wofür verwende ich aktuell die meiste Energie: für mein Leben oder für meine Anpassung?

Vielleicht besteht persönliches Wachstum nicht darin, jemand anderes zu werden.

Vielleicht besteht es darin, langsam aufzuhören, jemand anderes sein zu wollen.

Eine kleine Übung: Wie würde es sich anfühlen, wenn du vollkommen okay wärst?

Nimm dir heute 30 Sekunden Zeit.

Stell dir vor, du wachst morgen früh auf und weißt mit absoluter Sicherheit:

Ich bin genau richtig, so wie ich bin.

Nicht perfekt.

Nicht ohne Schwierigkeiten.

Aber richtig.

Was würde sich verändern?

Viele Menschen reagieren auf diese Vorstellung zunächst mit Widerstand.

Manche werden traurig.

Manche werden nervös.

Denn wenn wir unser Leben lang versucht haben, jemand anderes zu werden, ist die Vorstellung, bereits richtig zu sein, manchmal schwerer auszuhalten als die Vorstellung, falsch zu sein.

In Coachings nutze ich hierfür häufig eine kleine Imaginationsübung. Dabei geht es nicht darum, sich sofort vollständig zu akzeptieren. Es geht vielmehr darum, dem Gehirn für einen kurzen Moment die Möglichkeit zu geben, sich vorzustellen:

Wie würde sich mein Leben anfühlen, wenn ich mich nicht mehr permanent infrage stellen müsste?

Wenn du diese Übung ausprobieren möchtest, findest du hier eine kurze geführte Meditation:

Geführte Meditation: "Wie wäre es, wenn ich mich vollständig akzeptieren würde?"

Schon 30 Sekunden am Tag können einen kleinen Perspektivwechsel ermöglichen.


Weiterlesen

Wenn dich dieses Thema beschäftigt, könnten auch diese Themen für dich interessant sein:

  • Neurodivergenz bei Erwachsenen

  • ADHS und Selbstzweifel

  • Hochbegabung und das Gefühl, nirgendwo richtig hineinzupassen

  • Masking und Erschöpfung

  • Scanner-Persönlichkeit und Multipotentialität

  • Bedürfnisorientiertes Arbeiten und Leben

Ein Buch, das ich Menschen, die sich in diesen Themen wiederfinden, häufig empfehle, ist:

"Kluge Köpfe, krumme Wege" von Andrea Brackmann.

Zurück
Zurück

8 alternative Jobbörsen, die du dir unbedingt ansehen solltest