Wenn du mehr an der Veränderung arbeitest als dein Gegenüber

Es gibt eine Situation, die besonders engagierte Führungskräfte gut kennen.

Du siehst ziemlich genau, wo ein Problem liegt. Du verstehst vielleicht sogar, warum es entstanden ist. Du hast Ideen, wie man es lösen könnte. Du führst Gespräche, gibst Feedback, entwickelst gemeinsam nächste Schritte und versuchst, die andere Person zu unterstützen.

Und irgendwann stellst du fest:

Du beschäftigst dich deutlich mehr mit der Veränderung als die Person, die sich eigentlich verändern müsste.

Vielleicht denkst du nach Feierabend noch darüber nach, wie du das Problem lösen könntest.

Vielleicht überlegst du, wie du dein Feedback anders formulieren musst, damit es endlich ankommt.

Vielleicht entwickelst du neue Strukturen, erinnerst an Vereinbarungen oder suchst nach einer noch besseren Lösung.

Und gleichzeitig passiert auf der anderen Seite erstaunlich wenig.

Das kann enorm frustrierend sein.

Vor allem, weil die naheliegende Reaktion häufig lautet:

Dann muss ich es offenbar noch besser machen.

Genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Wenn Unterstützung langsam zu Überverantwortung wird

Gute Führung bedeutet selbstverständlich, Menschen zu unterstützen.

Es gehört dazu, Orientierung zu geben, Feedback auszusprechen, Entwicklung zu ermöglichen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Problematisch wird es erst, wenn sich die Verantwortung verschiebt.

Ein Mitarbeiter hat Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen.

Du entwickelst ein System für ihn.

Er nutzt es nicht.

Du erinnerst ihn.

Es funktioniert weiterhin nicht.

Also überlegst du dir ein noch einfacheres System.

Oder jemand sagt immer wieder, dass eine bestimmte Situation schwierig ist.

Ihr besprecht mögliche nächste Schritte.

Beim nächsten Gespräch hat sich nichts verändert.

Also suchst du nach einer anderen Lösung.

Irgendwann arbeitest nicht mehr nur du mit der Person an ihrem Problem.

Du arbeitest für sie daran.

Das passiert oft schleichend.

Und gerade verantwortungsbewusste, empathische und lösungsorientierte Führungskräfte geraten schnell in diese Dynamik.

Denn sie sehen häufig sehr früh, was gebraucht wird.

Sie können Zusammenhänge schnell erfassen.

Sie haben Ideen.

Und sie möchten, dass ihre Mitarbeitenden erfolgreich sind.

Das alles sind wertvolle Fähigkeiten.

Nur können genau diese Fähigkeiten dazu führen, dass du Verantwortung übernimmst, bevor dein Gegenüber sie selbst übernehmen muss.

Eine einfache Frage kann viel verändern

Wenn du merkst, dass dich ein Entwicklungsproblem ungewöhnlich stark beschäftigt, hilft eine einfache Frage:

Wer arbeitet gerade eigentlich mehr an diesem Problem?

Du oder die Person, der es gehört?

Das ist keine Aufforderung, Menschen mit ihren Problemen allein zu lassen.

Es geht um die Verteilung von Verantwortung.

Du kannst jemanden beim Nachdenken unterstützen.

Du kannst Feedback geben.

Du kannst Fragen stellen.

Du kannst Ressourcen zur Verfügung stellen.

Du kannst Entwicklung ermöglichen.

Aber du kannst die Veränderung nicht stellvertretend durchführen.

Und du kannst auch keine Veränderungsmotivation produzieren, die bei deinem Gegenüber selbst nicht vorhanden ist.

Vielleicht sieht dein Gegenüber das Problem gar nicht

Dieser Punkt wird in Entwicklungsprozessen häufig unterschätzt.

Nur weil du ein Verhalten problematisch findest, bedeutet das nicht automatisch, dass die andere Person es genauso erlebt.

Vielleicht bekommt eine Führungskraft die Rückmeldung, dass sie in Meetings zu dominant auftritt.

Sie selbst erlebt sich als entscheidungsfreudig.

Vielleicht wird einem Mitarbeiter gesagt, dass er strukturierter arbeiten sollte.

Er selbst sieht überhaupt keinen Anlass dafür, weil seine Ergebnisse stimmen.

Vielleicht organisiert ein Unternehmen ein Coaching, weil sich jemand kommunikativ verändern soll.

Die betreffende Person möchte aber eigentlich an einem ganz anderen Thema arbeiten.

Dann gibt es zwar formal einen Entwicklungsauftrag.

Aber noch keinen echten Veränderungsauftrag.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Wessen Ziel verfolgen wir eigentlich?

Gerade in Führung und Coaching lohnt sich deshalb die Frage:

Wer möchte hier eigentlich was verändern und warum?

Es kann einen Wunsch der Organisation geben.

Es kann einen Wunsch der Führungskraft geben.

Es kann Erwartungen des Teams geben.

Und es kann einen persönlichen Entwicklungswunsch der betreffenden Person geben.

Diese Ziele müssen nicht identisch sein.

Veränderung wird meistens dort interessant, wo sich die Perspektiven überschneiden.

Nehmen wir zum Beispiel jemanden, der sehr ausführlich kommuniziert.

Andere erleben seine Beiträge vielleicht als schwer nachvollziehbar.

Die Rückmeldung lautet:

„Du musst kürzer und strukturierter sprechen.“

Das kann für die betreffende Person relativ irrelevant sein.

Interessanter wird es möglicherweise, wenn sie merkt:

„Wenn meine Kernbotschaft nicht klar genug ankommt, bekomme ich in wichtigen Meetings später Entscheidungen.“

Plötzlich geht es nicht mehr darum, einem Wunsch anderer zu entsprechen.

Es gibt einen eigenen Nutzen.

Und genau dort beginnt häufig echte Veränderungsmotivation.

Nicht überzeugen, sondern Wirkung sichtbar machen

Als Führungskraft entsteht schnell der Impuls, jemandem erklären zu wollen, warum eine Veränderung notwendig ist.

Doch je stärker du jemanden überzeugen musst, desto vorsichtiger solltest du werden.

Oft ist es hilfreicher, Wirkung sichtbar zu machen.

Nicht:

„Du redest zu viel.“

Sondern:

„Du wolltest heute eine Entscheidung zu diesem Thema bekommen. Nach zehn Minuten war für mehrere Personen nicht mehr klar, welche Entscheidung du eigentlich brauchst.“

Nicht:

„Du musst selbstständiger werden.“

Sondern:

„Wir haben diesen nächsten Schritt im letzten Gespräch gemeinsam vereinbart. Heute liegt das Thema wieder bei mir.“

Nicht:

„Du solltest besser priorisieren.“

Sondern:

„Du hast diese Woche an zwölf Themen gearbeitet. Die beiden wichtigsten Ergebnisse sind trotzdem noch offen.“

Damit musst du kein Problembewusstsein herstellen.

Du stellst Beobachtungen zur Verfügung.

Was die andere Person daraus macht, bleibt zunächst bei ihr.

Der vielleicht schwierigste Teil: Die Lücke aushalten

Wenn du normalerweise schnell Lösungen entwickelst, kann es überraschend unangenehm sein, ein Problem einmal nicht sofort zu lösen.

Du siehst, dass etwas nicht funktioniert.

Du weißt vielleicht sogar, was helfen könnte.

Und trotzdem greifst du nicht unmittelbar ein.

Das kann sich zunächst wie schlechte Führung anfühlen.

Ist es aber nicht unbedingt.

Manchmal ist genau diese Lücke notwendig, damit Verantwortung wieder dort landet, wo sie hingehört.

Solange du immer einspringst, wenn etwas schwierig wird, muss dein Gegenüber bestimmte Konsequenzen möglicherweise gar nicht selbst erleben.

Die Frage lautet deshalb nicht nur:

Wie kann ich helfen?

Sondern manchmal auch:

Was passiert, wenn ich dieses Problem diesmal nicht für die andere Person löse?

Verantwortung zurückzugeben bedeutet nicht, Menschen fallen zu lassen

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Rückzug und klarer Verantwortung.

Du kannst sagen:

„Ich unterstütze dich dabei.“

Und gleichzeitig:

„Der nächste Schritt liegt bei dir.“

Du kannst Verständnis dafür haben, dass etwas schwierig ist.

Und trotzdem erwarten, dass eine Vereinbarung umgesetzt wird.

Du kannst jemanden intensiv coachen.

Und gleichzeitig darauf bestehen, dass die Person selbst Material, Entscheidungen und Erfahrungen in diesen Prozess einbringt.

Gute Unterstützung nimmt Verantwortung nicht weg.

Sie hilft Menschen dabei, Verantwortung selbst tragen zu können.

Woran du erkennst, dass du vielleicht schon zu viel übernommen hast

Ein guter Hinweis ist deine eigene gedankliche Aktivität.

Wenn du nach einem Gespräch länger darüber nachdenkst, wie du das Problem deines Gegenübers lösen kannst, lohnt sich ein kurzer Check.

Denkst du gerade intensiver über die Lösung nach als die betreffende Person?

Suchst du bereits nach der dritten Intervention, obwohl die erste noch gar nicht ausprobiert wurde?

Überlegst du, wie du jemanden dazu bringen kannst, sein eigenes Problem ernster zu nehmen?

Bist du frustriert darüber, dass die andere Person sich scheinbar weniger darum kümmert als du?

Dann geht es möglicherweise nicht darum, noch eine bessere Lösung zu finden.

Vielleicht geht es darum, Verantwortung neu zu sortieren.

Drei Fragen für Führungskräfte

Wenn du merkst, dass du dich an der Entwicklung eines Menschen zunehmend abarbeitest, helfen drei Fragen:

Was gehört tatsächlich zu meiner Verantwortung?

Was gehört zur Verantwortung meines Gegenübers?

Was würde ich gerade tun, wenn ich darauf vertrauen würde, dass die andere Person ihren Teil selbst übernehmen kann?

Die Antworten können unangenehm sein.

Vielleicht bedeutet es, weniger zu erinnern.

Vielleicht bedeutet es, eine Aufgabe nicht noch einmal selbst zu übernehmen.

Vielleicht bedeutet es, ein schwieriges Gespräch zu führen.

Vielleicht bedeutet es auch, anzuerkennen, dass die andere Person gerade gar nicht dieselbe Veränderung möchte wie du.

Das ist nicht das Ende von Entwicklung.

Es ist oft erst der Beginn eines ehrlicheren Entwicklungsprozesses.

Entwicklung braucht zwei Seiten

Coaching und Führung können viel ermöglichen.

Du kannst einen Raum schaffen, in dem jemand anders denken kann.

Du kannst blinde Flecken sichtbar machen.

Du kannst Feedback geben.

Du kannst Strukturen anbieten und Experimente ermöglichen.

Du kannst Menschen dabei unterstützen, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Aber du kannst den entscheidenden Schritt nicht für sie machen.

Deshalb lohnt sich immer wieder die Frage:

Arbeite ich gerade gemeinsam mit jemandem an seiner Entwicklung oder arbeite ich bereits stellvertretend daran?

Denn manchmal besteht die wirksamste Unterstützung nicht darin, noch eine bessere Lösung zu finden.

Sondern darin, den eigenen Teil gut zu machen und den anderen Teil dort zu lassen, wo er hingehört.

Wenn du merkst, dass du zu viel trägst

Manchmal ist es schwer zu erkennen, wo gute Unterstützung aufhört und Überverantwortung beginnt. Besonders dann, wenn du schnell Lösungen siehst, hohe Ansprüche an dich selbst hast und Verantwortung für andere ernst nimmst.

Im Coaching können wir gemeinsam genauer anschauen, welche Verantwortung tatsächlich bei dir liegt, wo du möglicherweise zu viel übernimmst und wie du Führung so gestalten kannst, dass sowohl Klarheit als auch Eigenverantwortung entstehen.

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