Empathisch sein, ohne dich selbst zu verlieren

Wie du anderen zugewandt bleibst und zugleich deine eigenen Bedürfnisse und Grenzen wahrnimmst.

Von Lena Celotti

Ich arbeite gerne mit empathischen Menschen. Mit Menschen, die zuhören, sich für andere interessieren und verstehen möchten, warum jemand so fühlt oder handelt. Diese Fähigkeit kann Nähe schaffen und Gespräche ermöglichen, in denen sich jemand mit einer schwierigen Erfahrung ernst genommen fühlt.

Deshalb beschäftigt mich die Aussage von Elon Musk, die Brené Brown in einem Beitrag aufgreift: Empathie sei die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation. Im Zusammenhang des Gesprächs warnt Musk vor einer aus seiner Sicht ausnutzbaren Empathie und sagt zugleich, dass man sich um andere Menschen kümmern sollte. Trotzdem bleibt für mich die Frage, was eine solche Abwertung bewirkt: Wenn wir die Bereitschaft, das Leid anderer wahrzunehmen, zur Schwäche erklären, was bedeutet das für unseren Umgang miteinander? Müssen wir dann erst selbst betroffen sein, bevor uns etwas angeht?

Browns Satz „Imagine having empathy and not needing to be personally affected to care“ bringt für mich einen wichtigen Gedanken auf den Punkt. Sinngemäß: Stell dir vor, du könntest Anteil nehmen, ohne selbst betroffen sein zu müssen. Wir können eine Ungerechtigkeit ernst nehmen, auch wenn wir sie selbst nie erlebt haben.

Gleichzeitig erlebe ich im Coaching, dass empathische Menschen unter Druck geraten können. Sie spüren die Not ihres Gegenübers und haben plötzlich das Gefühl, etwas tun zu müssen. Eine zusätzliche Aufgabe übernehmen, das Nein zurücknehmen oder eine Lösung finden, damit es dem anderen schnell besser geht. Dabei kann aus dem Blick geraten, was tatsächlich gebraucht wird und was sie selbst überhaupt geben können. Mich interessiert deshalb, wie wir Empathie als Stärke bewahren und dabei genügend Halt in uns selbst behalten.

Empathie bedeutet Verstehen und Mitfühlen

Um das genauer zu betrachten, hilft eine Unterscheidung. Mit kognitiver Empathie ist die Fähigkeit gemeint, die Gefühle eines anderen Menschen zu erkennen und seine Perspektive nachzuvollziehen. Du versuchst zu verstehen, wie sich eine Situation für ihn anfühlt. Deine Einschätzung bleibt dabei etwas, das du im Gespräch überprüfen kannst. Auch wenn du glaubst, jemanden gut zu verstehen, kannst du dich irren.

Affektive Empathie beschreibt das emotionale Mitschwingen. Wenn jemand traurig ist, berührt dich seine Traurigkeit. Erzählt jemand voller Freude von einem Erfolg, freust du dich mit. Dabei bleibt dir bewusst, dass du auf das Erleben eines anderen reagierst. Dieses Mitschwingen kann Nähe schaffen und führt nicht automatisch zu Überforderung.

Von emotionaler Ansteckung sprechen Forschende dagegen, wenn du einen Gefühlszustand übernimmst, ohne klar zu unterscheiden, woher er kommt und wessen Erfahrung dahintersteht. Du wirst beispielsweise in einem angespannten Gespräch selbst unruhig und verlierst aus dem Blick, dass die Anspannung zunächst beim anderen lag. Ansteckung, Mitschwingen und eigene Erinnerungen lassen sich im Alltag allerdings nicht immer sauber auseinanderhalten.

Brown verbindet Empathie deshalb mit einer Haltung des Mitgefühls. Deren Grundlage ist für sie unsere gemeinsame Menschlichkeit: Wir alle kennen Verletzlichkeit und Situationen, in denen wir andere brauchen. Daraus kann die Bereitschaft entstehen, angesichts von Leid zu handeln. Empathie hilft uns zu verstehen, was jemand erlebt. Mitgefühl richtet unseren Blick darauf, wie wir ihm wohlwollend begegnen und beistehen können.

Wenn dich die Geschichte eines anderen berührt

Wenn du einem Menschen etwas Schmerzhaftes erzählst, kann es guttun, dass ihn deine Geschichte berührt. Du merkst, dass er dir zuhört und dass ihm etwas bedeutet, was du gerade durchmachst. Vielleicht kannst du dadurch offener erzählen, weil du dich mit deiner Erfahrung ernst genommen fühlst.

Manchmal wird die Reaktion des Zuhörenden allerdings so stark, dass sich etwas im Gespräch verschiebt. Du bemerkst, wie aufgewühlt dein Gegenüber ist, und wirst vorsichtiger. Vielleicht lässt du etwas weg oder beginnst sogar, ihn zu beruhigen, obwohl du selbst gerade Unterstützung gebraucht hättest.

Auch als Coach ist mir dieser Unterschied wichtig. Wenn eine Geschichte etwas in mir auslöst, kann meine eigene Erfahrung eine Brücke zum Verstehen sein. Gleichzeitig muss ich aufmerksam dafür bleiben, ob ich noch meinem Gegenüber zuhöre oder gedanklich bereits bei meiner eigenen Geschichte angekommen bin. Was ich erlebt habe, kann ähnlich sein und sich trotzdem in entscheidenden Punkten unterscheiden.

Das gilt auch für den Impuls, helfen zu wollen. Wenn jemand leidet, möchten wir oft etwas tun. Wir suchen nach einer Lösung, versuchen zu trösten oder bieten Unterstützung an. Das kann hilfreich sein. Es lohnt sich aber wahrzunehmen, was uns dabei antreibt: Habe ich verstanden, was der andere gerade braucht? Oder fällt es mir selbst schwer, seine Traurigkeit, Angst oder Hilflosigkeit auszuhalten?

Vielleicht braucht der Mensch zunächst jemanden, der zuhört, ohne sofort eine Antwort zu haben. Vielleicht möchte er gemeinsam überlegen oder braucht ganz konkrete Entlastung. Um das herauszufinden, hilft es, einen Moment offenbleiben zu können, auch wenn sich dieser Moment unangenehm anfühlt.

Empathie kann uns berühren und zugleich Raum für das Erleben des anderen lassen. Dafür ist es hilfreich, die eigene Reaktion wahrzunehmen: Was erzählt mir mein Gegenüber über seine Situation, und was passiert gerade in mir?

Den eigenen Scheinwerfer mitbewegen

Im Coaching nutze ich dafür gerne das Bild eines Scheinwerfers. Wenn du aufmerksam zuhörst, richtet sich viel von deiner Aufmerksamkeit auf den anderen Menschen. Du versuchst zu verstehen, was ihn beschäftigt und wie es ihm geht. Dabei kann das, was du selbst empfindest oder brauchst, in den Hintergrund geraten.

Den Scheinwerfer zwischendurch zu dir zu bewegen bedeutet, auch dich selbst im Gespräch wahrzunehmen. Vielleicht merkst du, dass dein Körper angespannt ist, dass du unruhig wirst oder unbedingt eine Lösung finden möchtest. Vielleicht bemerkst du auch, dass du müde bist und gerade wenig Kraft hast.

Diese Wahrnehmungen können dir helfen, bewusster zu reagieren. Du kannst weiter zuhören und gleichzeitig spüren, wie es dir dabei geht. So bekommt neben der Erfahrung deines Gegenübers auch deine eigene einen Platz. Du bleibst in Verbindung und kannst besser einschätzen, welche Unterstützung du geben möchtest und geben kannst.

Wie du üben kannst, beim Zuhören auch bei dir zu bleiben

Gerade wenn deine Aufmerksamkeit im Gespräch schnell beim anderen liegt, kann es ungewohnt sein, dich gleichzeitig selbst wahrzunehmen. Deshalb gebe ich meinen Coachees manchmal eine kleine Übung mit: Beginne in einem einfachen Gespräch, in dem es um nichts besonders Belastendes geht. Während du zuhörst, nimm zwischendurch wahr, wie deine Füße den Boden berühren oder wie du auf deinem Stuhl sitzt. Du musst dabei nichts verändern. Es geht zunächst darum zu bemerken, dass du selbst auch da bist.

Wenn dir dabei ein Teil des Gesprächs entgeht, mach die Übung kürzer oder richte deine Aufmerksamkeit wieder ganz auf dein Gegenüber. Du musst keine dauerhafte Selbstbeobachtung aufbauen. Ein kurzer Moment reicht, um dich daran zu erinnern, dass auch deine eigene Wahrnehmung zum Gespräch gehört.

Eine Coachee von mir hat dafür einen Ring als Erinnerung genutzt. Während eines Gesprächs drehte sie ihn gelegentlich am Finger und nahm das zum Anlass, kurz bei sich anzukommen. Für sie wurde dadurch erfahrbar: Ich kann jemandem zuhören und mich selbst trotzdem wahrnehmen.

Solche kleinen Momente lassen sich auch über den Tag verteilen. Bevor du einen Anruf annimmst, nach einem Gespräch oder während du auf den nächsten Termin wartest, kannst du kurz innehalten: Wie geht es mir gerade? Bin ich angespannt, erschöpft oder ruhig? Brauche ich etwas?

Vielleicht bemerkst du zunächst nur ein körperliches Signal und weißt noch gar nicht, was es bedeutet. Ein angespannter Bauch sagt dir nicht automatisch, dass du Nein sagen solltest. Aber du kannst ihn zum Anlass nehmen, genauer hinzusehen, bevor du etwas zusagst.

Zwischen Verstehen und Zusagen darf ein Moment liegen

Wenn du die Belastung eines anderen Menschen deutlich wahrnimmst, kann sich eine Bitte schnell dringlich anfühlen. Gerade dann hilft es, dir vor einer Antwort etwas Zeit zu lassen.

Stell dir vor, deine Kollegin bittet dich, eine zusätzliche Aufgabe zu übernehmen. Du verstehst, warum sie Unterstützung braucht. Gleichzeitig merkst du, dass du selbst kaum noch Kapazität hast. Beides sind wichtige Informationen. Du kannst ihre Situation anerkennen und deine eigene prüfen, bevor du entscheidest:

„Ich verstehe, dass du gerade Entlastung brauchst. Ich muss kurz schauen, was bei mir möglich ist. Ich gebe dir heute Nachmittag Bescheid.“

Vielleicht kannst du die Aufgabe übernehmen. Vielleicht einen kleineren Teil oder gemeinsam mit ihr nach einer anderen Lösung suchen. Vielleicht bleibt es bei deinem Nein. Der kurze Abstand gibt dir Raum, eine Antwort zu finden, die auch deine Möglichkeiten berücksichtigt.

Manchmal weißt du allerdings bereits, was du brauchst, und wirst erst unsicher, als du die Enttäuschung des anderen bemerkst. Dann geht es um einen weiteren Schritt: die eigene Grenze auszusprechen und die Reaktion darauf auszuhalten. Diesem Thema widme ich einen eigenen Artikel.

Berührbar bleiben und bewusst handeln

Wir brauchen die Bereitschaft, uns vom Erleben anderer Menschen berühren zu lassen. Gerade dort, wo wir selbst nicht betroffen sind, ermöglicht Empathie uns, Folgen wahrzunehmen, die wir aus unserer eigenen Lebenssituation heraus leicht übersehen würden. Dass uns der Schmerz eines anderen etwas bedeutet, ist für mich eine Stärke, die wir gesellschaftlich brauchen.

Auch in meiner Arbeit als Coach möchte ich diese Offenheit bewahren. Ich möchte verstehen, was einen Menschen bewegt, und mich darauf einlassen, dass seine Erfahrung anders ist als meine. Dafür ist es wichtig, auch meine eigenen Reaktionen wahrzunehmen. Wenn eine Geschichte mich berührt oder in mir den starken Wunsch auslöst, etwas zu verändern, gehört das zunächst zu meinem Erleben. Indem ich das bemerke, kann ich wieder genauer zuhören und verstehen, was mein Gegenüber tatsächlich braucht.

Für mich gehören Empathie und der Kontakt zu uns selbst deshalb zusammen. Wenn wir wahrnehmen, was andere bewegt und was dabei in uns geschieht, können wir bewusster handeln. Daraus kann Unterstützung entstehen, die dem anderen gerecht wird und die wir selbst tragen können.

Quellen und Hintergrund

Brené Browns Beitrag zu Empathie und Mitgefühl ist der Ausgangspunkt dieses Artikels.

The Joe Rogan Experience, Folge 2281 mit Elon Musk, 28. Februar 2025: Ursprung der von Brown aufgegriffenen Aussage. Die deutsche Wiedergabe ist sinngemäß.

Singer und Klimecki: Empathy and compassion, 2014: Fachlicher Hintergrund zur Unterscheidung zwischen Perspektivübernahme, emotionalem Mitschwingen und emotionaler Ansteckung. Die Begriffe werden in der Forschung nicht durchgängig einheitlich verwendet.

Klimecki und andere: Differential pattern of functional brain plasticity after compassion and empathy training, 2014: Experimentelle Untersuchung zu empathischer Belastung und Mitgefühl. Die Studie prüft nicht die hier beschriebene Scheinwerferübung.

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