Warum sich Erfolg manchmal nicht nach Erfolg anfühlt: Über sozialen Aufstieg, Selbstzweifel und die Angst, Fehler zu machen
“Eigentlich weiß ich, dass ich erfolgreich bin. Aber es fühlt sich nicht so an."
Diesen Satz höre ich im Coaching häufiger, als man vermuten würde.
Von Menschen, die Führungsverantwortung tragen.
Die sehr gut verdienen.
Die kluge Entscheidungen treffen.
Die von anderen als kompetent und erfolgreich wahrgenommen werden.
Und die trotzdem regelmäßig denken:
Hoffentlich merkt niemand, dass ich hier eigentlich nicht hingehöre.
Wenn Erfolg nicht zu Sicherheit führt
Viele Menschen glauben:
Wenn ich erst erfolgreich bin, werde ich mich endlich sicher fühlen.
Doch häufig passiert etwas anderes.
Der Job wird größer.
Das Gehalt steigt.
Die Verantwortung wächst.
Und gleichzeitig wächst manchmal auch die Unsicherheit.
Plötzlich stellen sich Fragen wie:
Darf ich mir das überhaupt leisten?
War diese Entscheidung richtig?
Habe ich einen Fehler gemacht?
Was passiert, wenn ich scheitere?
Bin ich wirklich gut genug für dieses Umfeld?
Von außen wirkt das oft irrational.
Von innen ergibt es häufig sehr viel Sinn.
Die innere High Performerin
Im Coaching sprechen wir manchmal von einer inneren "High Performerin".
Sie hat eine klare Aufgabe:
Sorge dafür, dass keine Fehler passieren.
Sie sagt Dinge wie:
Streng dich mehr an.
Denk noch einmal darüber nach.
Mach bloß keinen Fehler.
Gib nicht zu viel Geld aus.
Sei vorsichtig.
Sei besser vorbereitet.
Lass dir nichts anmerken.
Das Verrückte ist:
Diese Stimme ist nicht gegen uns.
Sie versucht, uns zu schützen.
Oft hat sie uns genau dahin gebracht, wo wir heute stehen.
Das Problem entsteht erst dann, wenn sie nicht mehr unterscheiden kann zwischen:
Damals war ich unsicher.
und
Heute bin ich sicher.
Wenn 150 Euro sich wie eine Katastrophe anfühlen
Objektiv betrachtet sind manche Entscheidungen kleine Fehler.
Subjektiv fühlen sie sich manchmal an wie eine Bedrohung.
Nicht weil der Fehler groß ist.
Sondern weil ein alter Teil in uns sofort reagiert:
Das hätte dir nicht passieren dürfen.
Du hättest besser aufpassen müssen.
Du darfst keine Fehler machen.
Viele Menschen, die früh gelernt haben, besonders verantwortungsvoll zu sein, kennen diese Stimme sehr gut.
Sie bewertet nicht nur die Entscheidung.
Sie bewertet die Person.
Der soziale Aufstieg, über den kaum jemand spricht
Ein Thema, das in Coachings immer wieder auftaucht und über das erstaunlich wenig gesprochen wird, ist sozialer Aufstieg.
Was passiert, wenn du die Erste in deiner Familie bist,
die studiert,
die Führungsverantwortung übernimmt,
die ein hohes Einkommen hat,
die investiert,
die sich plötzlich in Räumen bewegt, die vorher nicht zu ihrer Lebensrealität gehört haben?
Dann entsteht häufig ein merkwürdiges Gefühl:
Ich gehöre hier hin.
Und gleichzeitig irgendwie auch nicht.
Denn während andere Menschen viele dieser Regeln von klein auf lernen, müssen manche sie sich erst mühsam erschließen:
Wie spricht man in diesen Kontexten?
Welche Regeln gelten hier?
Was darf ich fragen?
Was darf ich verlangen?
Was ist normal?
Das ist kein persönliches Defizit.
Es ist eine Erfahrung, die viele Menschen machen, die soziale Grenzen überschritten haben.
Vielleicht bist du nicht unsicher. Vielleicht bist du mutig.
Ich glaube, wir interpretieren Unsicherheit häufig falsch.
Wir denken:
Wenn ich mich unsicher fühle, gehöre ich hier nicht hin.
Vielleicht stimmt aber genau das Gegenteil.
Vielleicht fühlst du dich unsicher, weil du Dinge tust, die in deiner Familie, in deinem Umfeld oder in deiner Geschichte vor dir noch niemand getan hat.
Vielleicht ist deine Unsicherheit kein Beweis für mangelnde Kompetenz.
Vielleicht ist sie ein Beweis dafür, wie weit du gekommen bist.
Warum Stolz manchmal so schwer ist
Viele Menschen können ihre Erfolge rational verstehen.
Aber emotional kommen sie nicht an.
Es fühlt sich an, als wäre alles nur vorübergehend.
Als könnte der Erfolg jederzeit wieder verschwinden.
Als müsste man weiterkämpfen, weiterarbeiten, weiterleisten.
Dabei vergessen wir manchmal etwas:
Es ist nicht selbstverständlich, dort zu sein, wo wir heute sind.
Es ist nicht selbstverständlich, dass wir uns all das selbst erarbeitet haben.
Und vielleicht dürfen wir manchmal kurz innehalten und anerkennen:
Das war schwer.
Und ich habe es trotzdem geschafft.
Eine kleine Übung
Stell dir vor, eine Person mit genau deiner Geschichte würde heute vor dir sitzen.
Sie wäre die Erste in ihrer Familie mit Abitur.
Die Erste mit Studium.
Die Erste mit Führungsverantwortung.
Die Erste mit finanzieller Sicherheit.
Würdest du dieser Person sagen:
Du gehörst hier nicht hin.
Oder würdest du vielleicht sagen:
Ehrlich gesagt finde ich es ziemlich beeindruckend, wie weit du gekommen bist.
Warum sollte das für dich selbst nicht gelten?
Reflexionsfragen
Welche Regeln musste ich mir selbst beibringen, die andere vielleicht selbstverständlich gelernt haben?
Wo fühle ich mich bis heute wie ein Gast, obwohl ich längst dazugehöre?
Welche Fehler erlaube ich anderen, mir selbst aber nicht?
Welche Leistung habe ich bisher noch nicht wirklich gewürdigt?
Was würde passieren, wenn ich meinen Erfolg nicht nur verstehen, sondern auch fühlen würde?
Vielleicht besteht persönliches Wachstum nicht darin, noch erfolgreicher zu werden.
Vielleicht besteht es darin, langsam zu glauben, dass man den eigenen Erfolg bereits verdient hat.