Was ich gerne schon vor dem ersten Kind über Mental Load, Emotional Load und Partnerschaft gewusst hätte
Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, habe ich mich auf vieles vorbereitet.
Ich habe Bücher gelesen. Ich habe recherchiert. Ich habe über Geburt, Schlafrhythmen und Kinderwagen nachgedacht. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie wir Familie leben möchten.
Was ich damals nicht wusste: Die größte Herausforderung würde nicht darin bestehen, ein Baby zu versorgen.
Die größte Herausforderung würde darin bestehen, nicht automatisch wieder die Verantwortung für alles zu übernehmen.
Wenn ich heute zurückblicke, gibt es einige Dinge, die ich gerne schon vor meinem ersten Kind gewusst hätte.
1. Mental Load beginnt nicht erst nach der Geburt
Über Mental Load wird inzwischen häufiger gesprochen. Gemeint ist die unsichtbare Organisationsarbeit, die häufig bei einer Person hängen bleibt:
Wer denkt an den Kinderarzttermin?
Wer organisiert die Betreuung?
Wer weiß, welche Kleidung noch gekauft werden muss?
Wer plant Geburtstage, Urlaube und Familienbesuche?
Was ich damals noch nicht wusste:
Mental Load entsteht nicht nur dadurch, dass andere zu wenig machen. Er entsteht oft auch dadurch, dass wir selbst sehr schnell Verantwortung übernehmen.
Weil wir es gewohnt sind.
Weil wir Dinge sehen.
Weil wir denken, dass wir es schneller oder besser können.
Weil wir uns verantwortlich fühlen.
2. Emotional Load ist oft noch schwerer als Mental Load
Noch weniger bekannt ist der Begriff Emotional Load.
Damit ist die emotionale Verantwortung gemeint, die viele Frauen unbewusst übernehmen:
Wie geht es meinem Partner?
Ist das Kind traurig?
Haben alle genug Aufmerksamkeit bekommen?
Gibt es einen Konflikt, den ich lösen sollte?
Muss ich mich darum kümmern, dass es allen gut geht?
Viele Frauen tragen diese emotionale Verantwortung schon lange, bevor sie Mutter werden.
Sie haben gelernt, sich zu kümmern. Zu vermitteln. Zu organisieren. Verantwortung für das Wohlbefinden anderer zu übernehmen.
Die Geburt eines Kindes macht dieses Muster oft nicht erst sichtbar. Sie verstärkt es.
3. Der beste Rat, den ich als Mutter bekommen habe: Nicht wischen
Einer der besten Ratschläge, die ich jemals zum Thema Elternschaft gelesen habe, war überraschend einfach:
Nicht wischen.
Das Beispiel war folgendes:
Ein Glas fällt um. Das Kind weint. Auf dem Tisch ist alles nass.
Wer springt auf?
In vielen Familien ist es automatisch die Mutter. Noch bevor der Partner überhaupt realisiert hat, was passiert ist.
Das Problem ist nicht, dass sie wischt.
Das Problem ist, dass sie immer zuerst aufsteht.
Denn wenn eine Person dauerhaft schneller reagiert, lernt die andere Person unbewusst, dass sie nicht reagieren muss.
Ich habe angefangen, dieses Prinzip bewusst auszuprobieren.
Es war erstaunlich schwer.
Nicht, weil niemand anders wischen konnte.
Sondern weil ich die Spannung aushalten musste, nicht sofort einzugreifen.
Und genau darin lag die eigentliche Veränderung.
4. Gleichberechtigung scheitert oft nicht an Überzeugungen
Ich hätte früher gedacht, dass ich diese Themen gar nicht betreffen würden.
Ich war überzeugt, dass ich feministisch denke. Dass ich Partnerschaft gleichberechtigt leben möchte. Dass ich reflektiert genug bin.
Und trotzdem habe ich irgendwann festgestellt, dass irgendwo tief in mir noch Überzeugungen saßen wie:
Die Arbeit des Mannes ist wichtiger.
Ich kümmere mich besser.
Ich schaffe das schneller.
Bevor etwas schiefgeht, mache ich es lieber selbst.
Es war ernüchternd und gleichzeitig unglaublich hilfreich, diese Muster zu erkennen.
Denn erst dann konnte ich anfangen, sie zu verändern.
5. Hilfe anzunehmen ist manchmal schwerer als Hilfe zu geben
Eine der wichtigsten Erfahrungen für mich als Mutter war nicht, mich besser zu organisieren.
Es war, Unterstützung anzunehmen.
Zu akzeptieren, dass andere sich um mich kümmern.
Zu akzeptieren, dass ich nicht alles alleine tragen muss.
Zu akzeptieren, dass ich nicht erst zusammenbrechen muss, bevor ich Unterstützung verdient habe.
Das war für mich wesentlich schwieriger als jede schlaflose Nacht.
Das Buch, das ich gerne schon früher gelesen hätte
Ein Buch, das mir geholfen hat, viele gesellschaftliche und persönliche Überzeugungen rund um Mutterschaft besser zu verstehen, ist "Die gute Mutter" von Susanne Mierau.
Besonders wertvoll fand ich die Erkenntnis, dass Kinder nicht "die Mutter" brauchen.
Kinder brauchen verlässliche Bindungspersonen.
Und Fürsorge, emotionale Nähe und Verantwortung sind keine biologischen Eigenschaften von Frauen. Es sind Fähigkeiten, die Menschen lernen und gemeinsam tragen können.
Was ich heute anders machen würde
Wenn ich heute einer schwangeren Frau einen Rat geben dürfte, wäre es wahrscheinlich nicht, welchen Kinderwagen sie kaufen sollte.
Ich würde sagen:
Übe schon jetzt, Verantwortung abzugeben.
Übe, nicht sofort aufzustehen.
Übe, Hilfe anzunehmen.
Und erinnere dich immer wieder daran:
Du musst nicht diejenige sein, die alles trägt.
Auch dann nicht, wenn du es könntest.
6. Warum dieser Artikel auch für Väter wichtig ist
Wenn wir über Mental Load und Emotional Load sprechen, klingt es manchmal so, als hätten Frauen das Problem und Männer müssten einfach mehr machen.
So einfach ist es nicht.
Viele Männer wünschen sich heute, eine aktive und gleichberechtigte Rolle als Vater einzunehmen. Gleichzeitig wachsen auch sie in gesellschaftlichen Vorstellungen auf, die ihnen vermitteln:
Deine wichtigste Aufgabe ist es, für Sicherheit und Einkommen zu sorgen.
Fürsorge ist eher die Aufgabe der Mutter.
Emotionale Verantwortung liegt nicht bei dir.
Du musst nicht alles wissen und organisieren.
Das Problem ist: Wenn ein Elternteil automatisch die Verantwortung übernimmt, hat der andere oft gar nicht die Möglichkeit, diese Verantwortung wirklich zu lernen.
Gleichberechtigung bedeutet deshalb nicht nur, Aufgaben aufzuteilen. Es bedeutet auch, Verantwortung abzugeben und Verantwortung anzunehmen.
Das kann für beide Seiten unbequem sein.
Für Mütter bedeutet es häufig, auszuhalten, dass Dinge anders gemacht werden als man selbst es tun würde.
Für Väter bedeutet es, Verantwortung nicht nur zu übernehmen, wenn sie delegiert wird, sondern sie selbst wahrzunehmen, mitzudenken und aktiv einzufordern.
Die Frage ist nicht:
"Wer kann es besser?"
Sondern:
"Wie schaffen wir es, dass beide Eltern echte Verantwortung tragen können?"
Kinder profitieren davon enorm.
Und oft profitieren auch die Eltern selbst. Denn viele Väter erleben erst durch die intensive Beziehung zu ihren Kindern eine Form von emotionaler Nähe, Fürsorge und Verbundenheit, die ihnen selbst in ihrer eigenen Kindheit vielleicht nicht selbstverständlich möglich war.
Vielleicht geht es am Ende also gar nicht darum, wer mehr macht.
Sondern darum, dass niemand alles alleine tragen muss.
7. "Du kannst das doch viel besser" – über Weaponized Incompetence und die Frage, wie Fürsorge gelernt wird
Ein Satz, den viele Frauen in Beziehungen und Familien hören, lautet:
"Du kannst das doch viel besser."
Manchmal geht es dabei um das Packen der Wickeltasche. Manchmal um Arzttermine, Kindergeburtstage oder emotionale Gespräche mit den Kindern.
Hinter diesem Satz kann sich ein Phänomen verbergen, das inzwischen häufig als Weaponized Incompetence bezeichnet wird.
Damit ist gemeint, dass Menschen Verantwortung vermeiden, indem sie sich als weniger kompetent darstellen oder andere glauben lassen, dass diese Aufgaben besser von jemand anderem übernommen werden sollten.
Aber die Realität ist oft komplexer.
Denn warum können Frauen diese Dinge vermeintlich "besser"?
Nicht, weil sie biologisch dafür gemacht wären.
Sondern weil viele Frauen von klein auf lernen:
auf die Bedürfnisse anderer zu achten,
Beziehungen emotional zu pflegen,
vorauszudenken,
Verantwortung für das Wohlbefinden anderer zu übernehmen,
Konflikte wahrzunehmen und zu regulieren.
Viele Männer lernen dagegen andere Kompetenzen. Ihnen wird oft weniger zugetraut oder abverlangt, wenn es um Fürsorge, emotionale Arbeit und Familienorganisation geht.
Was später wie eine natürliche Fähigkeit aussieht, ist häufig schlicht das Ergebnis von jahrzehntelanger Übung.
Das bedeutet allerdings auch:
Diese Fähigkeiten können gelernt werden.
Was Männer tun können, um aus dieser Dynamik auszusteigen
Wenn Männer eine gleichberechtigte Elternschaft und Partnerschaft leben möchten, reicht es nicht aus, Aufgaben zu übernehmen, die ihnen delegiert werden.
Hilfreicher können Fragen sein wie:
Welche Aufgaben sehe ich gerade gar nicht?
Welche emotionale Verantwortung trägt meine Partnerin, die für mich unsichtbar ist?
Wo warte ich darauf, dass jemand mich auffordert, statt selbst Verantwortung zu übernehmen?
Gleichberechtigung bedeutet nicht, auf Anweisungen zu warten.
Gleichberechtigung bedeutet, Verantwortung aktiv wahrzunehmen, mitzudenken und mitzutragen.
Das kann bedeuten:
selbst Arzttermine zu organisieren,
sich eigenständig über Entwicklungsphasen von Kindern zu informieren,
emotionale Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen,
Familienorganisation mitzudenken,
die Partnerin nicht als Projektmanagerin des Familienlebens zu behandeln.
Was Frauen tun können
Die andere Seite dieser Dynamik ist oft genauso herausfordernd.
Denn wenn wir über Jahre gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen, fällt es uns häufig schwer, sie wieder abzugeben.
Das kann bedeuten:
auszuhalten, dass Dinge anders gemacht werden,
nicht sofort einzugreifen,
nicht ungefragt zu korrigieren,
nicht automatisch die emotionale Verantwortung für alle Beteiligten zu übernehmen.
Das berühmte "Nicht wischen" ist deshalb viel mehr als ein praktischer Tipp.
Es ist eine Übung darin, Verantwortung nicht reflexhaft an sich zu ziehen.
Drei Reflexionsfragen für Eltern und Paare
1. Welche Verantwortung übernehme ich automatisch, ohne dass jemand mich darum gebeten hat?
2. Welche Aufgaben sehe ich bei meinem Gegenüber möglicherweise gar nicht, weil sie für mich unsichtbar geworden sind?
3. Wenn wir unsere Rollen heute komplett neu verhandeln würden – ohne unsere Herkunftsfamilien, gesellschaftliche Erwartungen oder Gewohnheiten – wie würden wir sie eigentlich verteilen wollen?