Wenn Funktionieren nicht mehr funktioniert
"Ich kann eigentlich sehr gut funktionieren."
Diesen Satz höre ich in Coachings häufig. Besonders von Menschen, die viel Verantwortung tragen. Von Führungskräften, Unternehmer:innen, Eltern, Menschen in sozialen Berufen oder Menschen, die schon sehr früh gelernt haben, für andere da zu sein.
Oft folgt nach diesem Satz eine längere Pause. Und dann kommt etwas wie:
"Ich will aber nicht mehr."
Die Stärke, die irgendwann zur Belastung wird
Viele Menschen, die zu mir ins Coaching kommen, haben eine beeindruckende Fähigkeit entwickelt: Sie können funktionieren. Auch unter Druck. Auch in Krisen. Auch dann, wenn eigentlich längst nichts mehr geht.
Sie organisieren. Sie kümmern sich. Sie übernehmen Verantwortung. Sie halten Beziehungen zusammen, Teams zusammen, Familien zusammen. Sie springen ein, wenn andere ausfallen. Sie leisten mehr, als von ihnen erwartet wird.
Von außen wirkt das oft wie Stärke.
Und ja, es ist eine Stärke.
Aber manchmal ist diese Stärke ursprünglich aus etwas ganz anderem entstanden: aus der Erfahrung, dass man sich auf andere nicht immer verlassen konnte. Dass man früh Verantwortung übernehmen musste. Dass die eigenen Bedürfnisse weniger wichtig waren als die Bedürfnisse anderer.
Dann wird Funktionieren nicht nur zu einer Fähigkeit, sondern zu einer Überlebensstrategie.
Wenn der eigene Wert vom Funktionieren abhängt
Viele Menschen merken erst spät, wie eng ihr Selbstwert mit Leistung und Verantwortung verknüpft ist.
Sie haben gelernt:
Ich bin wertvoll, wenn ich mich kümmere.
Ich bin wichtig, wenn ich gebraucht werde.
Ich darf Bedürfnisse haben, wenn vorher alle anderen versorgt sind.
Ich muss stark sein.
Das Problem daran ist nicht, dass diese Strategien falsch sind. Oft haben sie uns über viele Jahre geholfen. Sie haben uns erfolgreich gemacht. Belastbar. Verantwortungsbewusst.
Das Problem ist, dass sie irgendwann nicht mehr zu dem Leben passen, das wir eigentlich führen möchten.
Dann entsteht ein innerer Konflikt:
Ein Teil von uns möchte weiter funktionieren. Ein anderer Teil sagt immer deutlicher: Ich kann nicht mehr. Oder vielleicht sogar: Ich will nicht mehr.
Warum Veränderung sich manchmal wie Kontrollverlust anfühlt
Viele Menschen erleben diesen Punkt als Krise.
Sie sind plötzlich erschöpft. Grenzen lassen sich nicht mehr ignorieren. Die Energie reicht nicht mehr aus, um weiterhin alles zusammenzuhalten.
Das kann Angst machen.
Denn wenn Funktionieren über viele Jahre Sicherheit gegeben hat, fühlt sich Loslassen zunächst nicht nach Freiheit an, sondern nach Kontrollverlust.
Dabei ist dieser Moment oft etwas anderes: eine Einladung.
Die Einladung, sich zum ersten Mal die Frage zu stellen:
Was brauche eigentlich ich?
Was passiert, wenn ich nicht mehr für alles verantwortlich bin?
Wer bin ich, wenn ich nicht nur funktioniere?
Die schwierigste Aufgabe: Hilfe anzunehmen
Besonders schwer fällt vielen Menschen nicht das Geben, sondern das Annehmen.
Unterstützung anzunehmen. Sich umsorgen zu lassen. Grenzen zu setzen. Andere Verantwortung tragen zu lassen.
Das klingt einfach. Ist es aber nicht.
Denn wer früh gelernt hat, für andere verantwortlich zu sein, erlebt das Loslassen oft zunächst als Schuldgefühl.
Dabei liegt genau hier häufig ein wichtiger Entwicklungsschritt:
Zu erkennen, dass der eigene Wert nicht davon abhängt, wie viel man leistet, trägt oder aushält.
Vielleicht ist das Scheitern des Funktionierens keine Niederlage
Wenn das Funktionieren nicht mehr funktioniert, fühlt sich das oft zunächst wie ein persönliches Versagen an.
Im Coaching betrachte ich diesen Moment häufig anders.
Vielleicht ist es kein Versagen.
Vielleicht ist es der Punkt, an dem ein Teil in uns verstanden hat, dass die alten Strategien uns zwar einmal geschützt haben, heute aber nicht mehr zu dem Leben passen, das wir führen möchten.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues:
Nicht mehr zu lernen, wie man noch besser funktioniert.
Sondern zu lernen, wie man lebt.