Das Mount Everest Syndrom: Warum du nicht anfängst, obwohl du genau weißt, was zu tun wäre
Du weißt eigentlich genau, was du tun müsstest.
Die Aufgabe ist wichtig.
Vielleicht würde sie deinen Alltag sogar deutlich leichter machen.
Du hast die Kompetenz dafür. Du kannst dir ziemlich genau vorstellen, wie du vorgehen müsstest.
Und trotzdem passiert nichts.
Du schiebst die Aufgabe vor dir her. Denkst immer wieder daran. Vielleicht ärgerst du dich irgendwann sogar über dich selbst:
Warum fange ich nicht einfach an?
Vielleicht liegt es gar nicht daran, dass du faul, undiszipliniert oder unmotiviert bist.
Vielleicht stehst du gedanklich gerade vor dem Mount Everest.
Was ich mit dem Mount Everest Syndrom meine
Das „Mount Everest Syndrom“ ist kein psychologischer Fachbegriff. Ich verwende ihn im Coaching als Bild für einen Mechanismus, den viele Menschen kennen.
Vor dir liegt irgendwann keine einzelne Aufgabe mehr.
Vor dir liegt ein riesiges Projekt.
Du siehst nicht mehr den nächsten Schritt.
Du siehst den Gipfel.
Und dein Gehirn denkt:
Das schaffe ich sowieso nicht.
Oder:
Dafür brauche ich richtig viel Zeit.
Oder:
Wenn ich anfange, muss ich es auch richtig machen.
Oder:
Ich müsste mich erst einmal komplett einarbeiten.
Plötzlich fühlt sich bereits der Einstieg anstrengend an.
Warum sollte ich loslaufen, wenn ich innerlich schon davon ausgehe, dass der Weg viel zu lang ist?
Motivation verschwindet manchmal nicht wegen der Aufgabe, sondern wegen ihrer Größe
Wir interpretieren fehlende Motivation häufig sehr persönlich.
Ich bin einfach nicht konsequent genug.
Ich ziehe Dinge nie durch.
Ich fange immer etwas an und bringe es nicht zu Ende.
Doch manchmal ist nicht die Motivation das eigentliche Problem. Das Problem ist, dass unser Gehirn keine überschaubare Aufgabe und keine erreichbare Belohnung mehr erkennen kann.
Vergleiche einmal diese beiden Vorhaben:
Heute schaue ich mir ein 20 minütiges Einführungsvideo an.
Und:
Ich arbeite mich komplett in ein neues System ein, entwickle daraus einen funktionierenden Prozess, automatisiere meinen Arbeitsablauf und implementiere das Ganze dauerhaft.
Beides kann zum selben Ziel gehören.
Aber nur eines davon fühlt sich nach etwas an, das ich heute tatsächlich tun kann.
Besonders schwierig sind Aufgaben, deren Belohnung erst später kommt
Manche Aufgaben geben uns sofort etwas zurück.
Eine Mail beantworten.
Erledigt.
Eine Rechnung überweisen.
Erledigt.
Eine Präsentation abschließen.
Erledigt.
Und dann gibt es Aufgaben, bei denen wir zunächst investieren müssen.
Lernen.
Strukturen aufbauen.
Prozesse entwickeln.
Trainieren.
Eine neue Gewohnheit etablieren.
Die eigentliche Belohnung kommt möglicherweise erst Wochen oder Monate später.
Genau diese Aufgaben können besonders schwer anzufangen sein.
Im Coaching ging es beispielsweise darum, einen Arbeitsprozess zu automatisieren.
Die Person wusste:
Wenn dieses System einmal steht, wird es zukünftig enorm viel Zeit sparen.
Das Problem:
Um später Zeit zu gewinnen, müsste heute zunächst zusätzliche Zeit investiert werden.
Es entstand ein klassischer Kreislauf:
Ich brauche Zeit, um einen Prozess zu entwickeln, der mir Zeit verschafft.
Aber weil ich keine Zeit habe, entwickle ich ihn nicht.
Also habe ich weiterhin keine Zeit.
Warum das gerade bei ADHS relevant sein kann
Für Menschen mit ADHS kann dieser Mechanismus besonders vertraut sein.
Nicht unbedingt, weil ihnen Motivation grundsätzlich fehlt.
Im Gegenteil.
Wenn ein Thema interessant ist, neu ist oder genügend Dringlichkeit entwickelt, kann plötzlich enorm viel Energie vorhanden sein.
Die schwierige Stelle liegt häufig woanders:
beim Einstieg.
Vor allem dann, wenn eine Aufgabe langweilig beginnt, viele Zwischenschritte enthält oder die Belohnung weit in der Zukunft liegt.
Das erklärt auch das scheinbare Paradox:
Du kannst dich möglicherweise stundenlang intensiv mit einem spannenden Thema beschäftigen und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, eine Aufgabe anzufangen, die objektiv nur 20 Minuten dauern würde.
Das hat wenig damit zu tun, wie wichtig dir die Aufgabe ist.
„Ich brauche dafür mal einen ganzen Tag“
Auch dieser Gedanke begegnet mir häufig.
Dafür brauche ich mal einen freien Tag.
Dafür müsste ich mir eine ganze Woche blocken.
Das mache ich im Urlaub.
Da muss ich mich einmal richtig reinsetzen.
Das kann stimmen.
Manche Aufgaben brauchen längere Fokuszeiten.
Aber der Gedanke kann gleichzeitig zu einer Falle werden.
Denn wenn die Voraussetzung lautet:
Ich kann erst anfangen, wenn ich mehrere Stunden vollkommen ungestört zur Verfügung habe,
wird die Einstiegshürde riesig.
Und dieser perfekte freie Tag kommt erstaunlich selten.
Alles oder nichts
Gerade Menschen, die sehr tief in Themen eintauchen können, kennen häufig zwei Zustände:
Ganz drin.
Oder gar nicht drin.
Ein neues Hobby wird plötzlich jeden Tag zwei Stunden betrieben.
Ein Thema wird intensiv durchdrungen.
Ein Projekt nimmt mehrere Tage lang fast die gesamte Aufmerksamkeit ein.
Dann passiert etwas.
Urlaub.
Ein stressiger Arbeitstag.
Eine Krankheit.
Ein anderes Projekt.
Die Routine bricht.
Und plötzlich ist der Zugang weg.
Im Coaching gab es dafür ein sehr anschauliches Beispiel:
Ein Instrument wurde zunächst jeden Tag mehrere Stunden gespielt.
Dann lag es eine Woche unberührt da. Das Interesse war nicht verschwunden. Aber plötzlich musste wieder neu angefangen werden. Und Anfangen kann deutlich mehr Energie kosten als Weitermachen.
Das Problem ist häufig nicht die Aufgabe
Das Spannende ist:
Wenn Menschen mit diesem Muster einmal drin sind, läuft es häufig hervorragend.
Sie können sich intensiv konzentrieren.
Sie lernen schnell.
Sie arbeiten sich tief ein.
Sie entwickeln komplexe Lösungen.
Der schwierige Moment liegt davor.
Der Übergang von
Ich sollte das machen.
zu
Ich mache jetzt etwas.
Deshalb hilft der Satz
„Du musst einfach anfangen.“
ungefähr so gut wie:
„Du musst einfach auf den Mount Everest steigen.“
Ja.
Aber wie?
Mach aus dem Berg einen Wanderweg
Wenn dein Gehirn gerade den kompletten Mount Everest betrachtet, brauchst du möglicherweise nicht mehr Motivation.
Du musst den Berg kleiner machen.
Nicht:
Ich automatisiere meinen kompletten Arbeitsprozess.
Sondern:
Ich öffne heute das Tool.
Nicht:
Ich lerne alles über dieses Thema.
Sondern:
Ich schaue mir heute das erste Einführungsvideo an.
Nicht:
Ich schreibe endlich meine Website.
Sondern:
Ich öffne das Dokument und schreibe drei Überschriften.
Nicht:
Ich muss wieder regelmäßig Sport machen.
Sondern:
Ich ziehe meine Sportsachen an und gehe zehn Minuten raus.
Der erste Schritt darf so klein sein, dass dein Gehirn ihn fast lächerlich findet.
Das ist keine Anspruchslosigkeit.
Das ist Strategie.
Der erste Schritt muss nicht das Projekt lösen
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wir wählen den ersten Schritt häufig viel zu groß.
Wir denken:
Wenn ich heute anfange, muss ich ordentlich etwas schaffen.
Aber der erste Schritt hat eine andere Aufgabe.
Er soll dich nicht zum Gipfel bringen.
Er soll dafür sorgen, dass du dich überhaupt wieder bewegst.
Das kann bedeuten:
Heute nur das Programm öffnen.
Heute nur einen Ordner anlegen.
Heute nur zehn Minuten lesen.
Heute nur die ersten drei Aufgaben aufschreiben.
Mehr nicht.
Denn wenn du einmal wieder Kontakt mit dem Thema hast, entsteht häufig etwas, das vorher gefehlt hat:
Momentum.
Motivation kann nach dem Anfang kommen
Viele Menschen warten darauf, dass Motivation auftaucht.
Wenn ich mich motivierter fühle, fange ich an.
Leider funktioniert Motivation nicht zuverlässig so.
Manchmal entsteht Motivation erst durch Bewegung.
Du machst einen kleinen Schritt.
Dadurch entsteht Klarheit.
Vielleicht ein bisschen Interesse.
Dann ein kleines Erfolgserlebnis.
Und plötzlich bist du drin.
Deshalb ist manchmal eine andere Frage hilfreicher:
Was ist der kleinste Schritt, der mich wieder in Bewegung bringt?
Nicht:
Wie schaffe ich das gesamte Projekt?
Mach aus deinem Vorhaben ein Projekt
Wenn du beruflich gut darin bist, komplexe Dinge zu strukturieren, kannst du diese Fähigkeit auch auf dich selbst anwenden.
Stell dir vor, die Aufgabe wäre nicht deine eigene.
Du würdest vermutlich nicht sagen:
Mach einfach mal alles.
Du würdest das Vorhaben strukturieren.
Zum Beispiel:
Überblick verschaffen
Ein Einführungsvideo ansehen
Relevante Möglichkeiten notieren
Einen kleinen Anwendungsfall auswählen
Diesen testen
Danach entscheiden, welcher Schritt sinnvoll ist
Plötzlich steht da kein Mount Everest mehr.
Da stehen sechs überschaubare Stationen.
Im Coaching war genau diese Übertragung hilfreich: Eine große Lernaufgabe wurde wie ein Projekt betrachtet und auf einen ersten kleinen Schritt reduziert.
Accountability und Body Doubling können den Einstieg erleichtern
Manchmal hilft zusätzlich ein anderer Mensch.
Nicht unbedingt, weil diese Person dein Problem lösen kann.
Sondern weil du nicht mehr ganz allein mit dem Anfang bist.
Du könntest zum Beispiel jemandem schreiben:
Ich schaue mir heute bis 17 Uhr das erste Kapitel an und melde mich danach kurz.
Allein dadurch entsteht ein kleiner äußerer Rahmen.
Eine weitere Möglichkeit ist Body Doubling.
Dabei arbeitest du an deiner Aufgabe, während eine andere Person parallel an ihrer eigenen Sache arbeitet.
Ihr müsst euch weder helfen noch viel miteinander sprechen.
Vielleicht trefft ihr euch für eine Stunde, sagt zu Beginn kurz, woran ihr arbeiten möchtet, und legt dann los.
Aus
Ich müsste irgendwann dieses riesige Projekt anfangen.
wird:
Um 10 Uhr treffe ich mich mit jemandem und beschäftige mich eine Stunde damit.
Der Mount Everest ist immer noch da.
Aber du stehst nicht mehr allein am Fuß des Berges.
Mehr darüber, warum Body Doubling gerade bei einem schwierigem Aufgabenstart hilfreich sein kann, findest du in meinem Artikel „Warum du im Homeoffice trotz Ruhe nicht produktiv bist“.
Externe Struktur ist keine Schwäche
Manchmal glauben wir, wir müssten solche Dinge allein hinbekommen.
Ich müsste mich selbst motivieren.
Ich müsste mich selbst strukturieren.
Ich müsste mich einfach zusammenreißen.
Warum eigentlich?
Wir benutzen in anderen Bereichen selbstverständlich äußere Strukturen.
Termine.
Deadlines.
Meetings.
Projektpläne.
Trainer:innen.
Kurse.
Warum sollte es dann falsch sein, einen Menschen als äußeren Startpunkt zu nutzen?
Wenn Body Doubling, ein Accountability Partner oder ein gemeinsamer Termin dazu führt, dass du ins Tun kommst, funktioniert dein System.
Und genau darum geht es.
Plane für dein echtes Gehirn, nicht für dein ideales
Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die denken:
Eigentlich müsste ich jeden Tag 30 Minuten daran arbeiten.
Und vielleicht funktioniert dein Gehirn so einfach nicht besonders gut.
Vielleicht brauchst du manchmal drei Stunden Fokus.
Und manchmal nur zehn Minuten Wiedereinstieg.
Beides darf gleichzeitig stimmen.
Du brauchst keine perfekte Methode.
Du brauchst eine Methode, die oft genug funktioniert.
Das kann ein Mix sein:
Kleine Schritte, damit der Kontakt zum Thema nicht verloren geht.
Längere Fokuszeiten für die Teile, bei denen du wirklich tief eintauchen möchtest.
Body Doubling für schwierige Einstiege.
Accountability für Dinge, bei denen du dich immer wieder selbst vertröstest.
Muss der Gipfel überhaupt das Ziel sein?
Noch eine Frage lohnt sich.
Manchmal ist unser Mount Everest deshalb so groß, weil wir aus einer guten Idee unbewusst ein perfektes Projekt gemacht haben.
Vielleicht möchtest du eigentlich nur einen Arbeitsprozess etwas verbessern.
Aber in deinem Kopf entsteht:
Wenn ich das mache, dann richtig.
Dann muss alles perfekt automatisiert sein.
Dokumentiert.
Skalierbar.
Für andere nutzbar.
Zukunftssicher.
Und plötzlich ist aus einem kleinen Experiment ein Transformationsprojekt geworden.
Frage dich deshalb:
Was wäre eine gute 70 Prozent Lösung?
Oder:
Was müsste funktionieren, damit mein Alltag bereits zehn Prozent leichter wird?
Vielleicht musst du gar nicht auf den Gipfel.
Vielleicht reicht zunächst der nächste Aussichtspunkt.
Wenn du gerade vor deinem eigenen Mount Everest stehst
Nimm einmal eine Aufgabe, die du schon länger aufschiebst.
Und frage dich nicht:
Warum bin ich so unmotiviert?
Frage dich stattdessen:
Wie groß habe ich diese Aufgabe in meinem Kopf gemacht?
Wo genau beginnt sie eigentlich?
Was wäre ein Schritt, den ich heute in maximal zehn Minuten machen könnte?
Muss ich das alleine machen?
Was wäre gut genug statt perfekt?
Welche Belohnung kommt erst so spät, dass mein Gehirn sie gerade kaum wahrnimmt?
Könnte mir Body Doubling oder Accountability beim Einstieg helfen?
Vielleicht stellst du dabei fest:
Dir fehlt gar nicht die Motivation.
Vielleicht ist dein Ziel einfach so groß geworden, dass dein Gehirn den Weg dorthin nicht mehr erkennen kann.
Dann musst du dich nicht stärker antreiben.
Du musst nicht disziplinierter werden.
Und du musst dich auch nicht dafür kritisieren, dass du noch immer am Fuß des Berges stehst.
Vielleicht brauchst du einfach einen kleineren ersten Schritt.
Denn auf den Mount Everest kommt man auch nicht mit einem einzigen großen Sprung.
Man fängt an zu laufen.
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Der schwierige Einstieg muss nicht bedeuten, dass dir Motivation oder Disziplin fehlen. Große, komplexe oder wenig überschaubare Aufgaben können so überwältigend wirken, dass bereits der erste Schritt schwerfällt.
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Hilfreich kann sein, nicht das gesamte Projekt zu betrachten, sondern nur den nächsten machbaren Schritt festzulegen. Dieser darf sehr klein sein, beispielsweise ein Dokument öffnen, zehn Minuten recherchieren oder ein erstes Video ansehen.
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Beim Body Doubling arbeitest du in Anwesenheit einer anderen Person an deiner Aufgabe. Die andere Person muss nicht mitarbeiten oder helfen. Ihre Anwesenheit kann einen äußeren Rahmen schaffen und den Einstieg erleichtern.
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Das ist eine Person, der du beispielsweise sagst, was du bis zu einem bestimmten Zeitpunkt machen möchtest. Die kleine äußere Verbindlichkeit kann dabei helfen, eine Aufgabe tatsächlich anzufangen.